Eric Steinhauer | 18 Aug 13:44

Hybridpublikation: Zahlen aus Autorensicht

Liebe Liste,

stellen Sie sich vor, Sie gehen aus einem hellen Raum in einen dunklen. Rückwärts. Sie wissen nicht, wie
der dunkle Raum aussieht, geschweige denn, wie groß er ist. Alles was Sie sehen, sehen Sie im Licht des
Raumes, den Sie gerade verlassen haben. Je weiter Sie aber in den neuen Raum hineinkommen, desto mehr
nehmen Sie wahr und desto heimischer werden Sie dort. Irgendwann finden Sie vielleicht auch den
Lichtschalter und können dann den alten Raum ganz vergessen und vollkommen sicher im neuen Raum umhergehen.

Das ist etwa die Situation, in der wir uns alle (Autoren, Bibliothekare, Verleger) angesichts der neuen
Strukturen des netzgestützen Publizierens befinden. Wir sehen immer noch alles vom Hergebrachten
her. Verleger vielleicht mehr als Autoren, weil sie möglicherweise auch mehr zu verlieren haben oder
sich schwerer tun, einen Standpunkt im neuen Raum zu gewinnen.

Beim hybriden Publizieren sind die Dinge meiner Meinung nach sehr vielschichtig. Für einige Arten von
Literatur scheint es mir die eierlegende Wollmilchsau zu sein, für andere Arten von Werken gänzlich
ungeeignet. 

Sehr passend finde ich es für moderne Lyrik. Derartige Literatur ist in Buchhandlungen fast ausnahmslos
nicht vertreten. Kauft man ein Buch unbesehen, gleicht es oft einem Lotteriespiel; meist verliert man.
Sind die Texte hingegen gut, will man sie physisch besitzen. Lyrik-Leser sind so. Open Access und
Verkaufsförerung gehen hier eigentlich gut zusammen.

Sehr gut passt es auch zu Hochschulschriften. Ich bin der Ansicht, dass jede, aber auch wirklich jede
Dissertation online zur Verfügung stehen muss. Nur so ist sie tatsächlich in der wissenschaftlichen
Öffentlichkeit ausreichend präsent. Der Umstand, für bestimmte, im allgemeinen sichtbare Reihen
horrende Druckkostenzuschüsse bezahlen zu müssen, die sich noch nicht einmal in
Lektoratsleistungen und dergleichen niederschlagen, ist nicht wissenschaftsadäquat.
Sichtbarkeit und Erreichbarkeit sollten nicht "käuflich" sein.

Da wir es bei Dissertationen mit umfangreichen Texten zu tun haben, braucht man für die intensive
Auseinandersetzung (v.a. für Rezensionen!!) immer auch die Lesefassung. Die kann im
Print-on-demand-Verfahren leicht und kostengünstig hergestellt werden. Wird die Arbeit preiswert
angeboten, wird es auch interessierte Privatkäufer geben. 

Hier kann ich nur aus meiner Perspektive sprechen. Bis 25 € kaufe ich interessante Titel anstandslos,
wenn ich den Text kenne und für gut befunden habe (Open Access!). Jenseits von 50 € (leider üblich bei
juristischen Arbeiten) ist - von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen - Feierabend.

Ich kann für den wirtschaftlichen Erfolg von hybriden Arbeiten aus Verlegersicht keine Zahlen
vorlegen. Ich kenne aber die Zahlen meiner Dissertation, die ich hybrid publiziert habe, aus
Autorensicht ziemlich gut. 

Die Lehrfreiheit katholischer Theologen an den staatlichen Hochschulen in 
Deutschland. - Münster : Verl.-Haus Monsenstein und Vannerdat, 2006. - XXIV, 367 S. - (Theologie und
Hochschule ; 2) ISBN 978-3-86582-334-2
Zugl.: Münster, Univ., Diss., 2006.
http://www.db-thueringen.de/servlets/DocumentServlet?id=6304

Einige der Zahlen hatte ich am 22. Januar 2008 hier schon einmal mitgeteilt: http://www.ub.uni-dortmund.de/listen/inetbib/msg35510.html

Die Zugriffe auf den Volltext sind mittlerweile weiter gestiegen. Eine neue Rezension ist ebenfalls zu
verzeichnen. In einer jüngst erschienenen einschlägigen Dissertation wird meine Arbeit mehrfach
zitiert. Was will ich also mehr?

Und der Absatz? Bis heute wurden 40 Exemplare verkauft. Hier freilich muss man wissen, dass die Fakultät
damals 30 (!!) Freiexemplare für den Tausch beansprucht hat. Nicht wenige Universitäten werden daher
als Käufer für das Buch ausgefallen sein. Mit Rezensions- und Schenkungsexemplaren wurden bislang
gut 110 Bücher verbreitet. Für eine Dissertation zu einem staatskirchenrechtlichen Spezialthema
ist das ein ordentliches Ergebnis.

Was hat mich das gekostet? Ich habe 1.237,50 € bezahlt und dafür 85 Freiexemplare erhalten. Von diesen
Freiexemplaren wurden die Pflichtablieferung bei der Fakultät, die Rezensionsstücke sowie
Geschenke an Kollegen, Freunde und Bekannte bestritten. Ein paar Bücher habe ich noch im "Handlager".
Durch VG Wort und Verkaufserlöse habe ich rund 700 € erwirtschaftet, macht unterm Strich gut 530 €
Kosten. Damit hat mich jedes Exemplar, das ich vom Verlag bekommen habe, etwa 6,20 € gekostet. Für ein
Buch im Umfang von 391 Seiten ist das sicher in Ordnung. Und wäre ich mit den Geschenken und
Freiexemplaren weniger großzügig gewesen und hätte ich auf mein "Handlager" verzichtet, hätte ich
vollkommen gratis publiziert. :)

Eric Steinhauer

--

-- 
http://www.inetbib.de


Gmane